Drogen- und Suchtbericht 2000 Bundesministerium für Gesundheit
Stand: 26. April 2001
Presseerklärung
Drogen- und Suchtbericht 2000 durch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung vorgelegt
Anlässlich der Vorstellung des Sucht- und Drogenberichtes erklärte
Marion Caspers-Merk, MdB, Drogenbeauftragte der
Bundesregierung, in Berlin:
"Mit dem heute vorgelegten Bericht zur Sucht- und Drogenproblematik im
Jahr 2000 und über die begonnenen und geplanten Maßnahmen zur
Prävention und Vermeidung von gesundheitlichen und sozialen
Folgeschäden werden die neuen Daten zum Umfang des Konsum von
psychoaktiven Substanzen in unserem Land veröffentlicht. Darüber hinaus
informiert der Bericht über die Maßnahmen, die von Seiten der
Bundesregierung unternommen worden sind, um mit der Sucht - und
Drogenproblematik umzugehen.
Übergreifende Gesamtstrategie zum Schutz vor Suchtmitteln und Drogen notwendig (nach oben)
Die uns nun vorliegenden Daten weisen auf zwei grundsätzliche
Entwicklungen hin. Zum einen nimmt der Konsum psychoaktiver
Substanzen, von Tabak und Alkohol bis zu Heroin, langsam ab, gleichzeitig
gibt es immer mehr Jugendliche, die im Rahmen ihrer "Spaßkultur" einen
risikoreichen Konsum pflegen, ohne diesen zu hinterfragen.
Der Konsum legaler Drogen, wie beispielsweise Alkohol, ist noch immer
stark verbreitet und wird von der großen Mehrheit der Bevölkerung relativ
unkritisch eingeschätzt.
Es ist in den vergangenen Jahren gelungen, die Diskreditierung bestimmter
Formen der Suchthilfe zu beenden. Die ideologischen Grabenkämpfe der
vergangenen Jahrzehnte sind überwunden. Wir stehen heute vor der
Situation, dass wir den gesellschaftsübergreifenden Konsens haben, dass
Drogensüchtige in erster Linie kranke Menschen mit Problemen sind,
denen es zu helfen gilt. Die gesellschaftliche Debatte über die mit dem
Konsum psychoaktiver Substanzen verbundenen gesundheitlichen und
sozialen Risiken ist dringend notwendig. Denn diese Risiken sind
unabhängig davon, ob diese Substanzen legal oder illegal sind. Es kann
und soll weder um die Überdramatisierung noch um die Bagatellisierung
einzelner Substanzen gehen. Realistische glaubwürdige Präventions- und
Behandlungskonzepte, die von der Lebenswirklichkeit der Menschen
ausgehen und ihnen helfen, sind gefragt.
- Den Einstieg in den Konsum hinauszögern,
- den Ausstieg aus riskanten Konsummustern schaffen,
- den Ausstieg aus einer Abhängigkeit erreichen und mit allen dafür zur
Verfügung stehenden Hilfen, von der Abstinenztherapie bis zur
medikamentenbestimmten Behandlung, helfen.
Die aktuellen Drogenkonsumtrends (nach oben)
Der Tabakkonsum in der Bevölkerung geht zwar langsam zurück, aber
dennoch gibt es in der Altersgruppe der Jugendlichen ein Viertel ständige
Raucherinnen und Raucher, mit etwa gleichen Quoten bei Mädchen und
Jungen; ein Drittel der 24- bis 25-jährigen sind starke Raucher, d. h. dass
besonders die Zahl der jungen Mädchen steigt, die mit dem Rauchen
beginnen. Auf der anderen Seite sind es in diesem Alter rund 50 %, die
noch nicht angefangen haben zu rauchen und die mit großer
Wahrscheinlichkeit keine Raucher werden. Bei den Erwachsenen sind es
noch deutlich mehr Männer (nämlich 41 % aller Raucher), die stark rauchen,
als Frauen (28 %), das sind mehr als 5 Mio. Menschen. Der Absatz von
Zigaretten im Inland ist von 1999 auf 2000 leicht um 4 % zurückgegangen
von 145 Mrd. Stück auf 139 Mrd. Stück. Da der Anteil der starken Raucher
aber um fast 20 % zurückgegangen ist seit der letzten Erhebung von 1997,
scheinen nun die verbliebenen starken Raucher noch mehr zu rauchen, mit
den entsprechenden gesundheitlichen Folgen.
Fast alle Jugendlichen haben Erfahrungen mit Alkohol, rund ein Drittel
trinkt regelmäßig, nur ein kleiner Teil täglich, wobei dies immerhin noch
rund 200.000 Jugendliche sind. Gerade für diese Gruppe gibt es zu wenig
Hilfsangebote, die von dieser Gruppe auch angenommen werden. Denn in
der Regel suchen alkoholabhängige Menschen die Beratungsstellen erst
nach mehrjähriger Suchtkarriere auf. Bei den Erwachsenen weisen 12 %
riskante, 4 % gefährliche und 0,7 % hoch riskante Konsummuster auf,
wobei der Anteil der Männer hierbei etwa doppelt so hoch ist. Nur ein
kleiner Teil dieser Gruppe nimmt die Angebote der Suchtkrankenhilfe wahr.
Über riskanten Umgang mit Medikamenten wissen wir noch immer zu
wenig, insbesondere in der Gruppe von Kindern und Jugendlichen. 17 %
der Frauen und 12 % der Männer geben an, im letzten Monat Medikamente
mit psychoaktiver Wirkung eingenommen zu haben. In einer Untersuchung
bei Bremer Schülerinnen und Schülern haben über 60 % der befragten
14-jährigen angegeben, dass sie Medikamente nehmen (1) . Auch bei
Kindern und Jugendlichen scheint sich in zunehmendem Maße ein lockerer
Umgang mit Schmerzmitteln zu etablieren. Bei Berliner Schülern wurde
registriert, dass jeder fünfte Zehntklässler (8 % der Jungen und 32 % der
Mädchen) regelmäßig Medikamente einnimmt, in besonders hohem Maße
Analgetika, vor allem Kopfschmerztabletten (2). Auch die Verschreibung
von Medikamenten an Kinder mit "hyperkinetischen Auffälligkeiten" (sog.
Zappelkinder) ist in den letzten Jahren - von einem niedrigen Niveau -
deutlich angestiegen (von etwa 2.500 behandelten Kindern im Jahr 1990
auf über 40.000 in 1999) (3) . Hier ist umstritten, ob eine sorgfältige
therapeutische Begründung wirklich in allen Fällen vorliegt. Es ist davon
auszugehen, dass in vielen Familien das "Pillen"-Schlucken zur
Befindlichkeitsbeeinflussung gängige Alltagspraxis ist und notwendig, dass
wir in dieses Dunkelfeld ein wenig mehr Licht bekommen.
Bei den illegalen Drogen spielt Cannabiskonsum die Hauptrolle, über ein
Viertel der Jugendlichen hat damit Erfahrungen, wobei es nur noch geringe
Unterschiede in West- und Ostdeutschland gibt. Der Anteil der aktuellen
Konsumenten liegt aber mit 13 % um 2 % niedriger als 1997. Bei den
Erwachsenen haben rund 20 % der Westdeutschen und 10 % der
Ostdeutschen Cannabiserfahrung, es konsumieren aktuell etwa 6 % in den
alten und 5 % in den neuen Bundesländern. Wenn auch die Gruppe der
täglichen Konsumenten klein ist, wird doch zunehmend von riskanten
Konsummustern und Mischkonsum in den Einrichtungen der Jugend- und
Drogenhilfe berichtet. Die Zahl derjenigen, die in Beratungsstellen betreut
werden, ist gestiegen und beträgt etwa 20 % der behandelten Klienten in
ambulanten Drogenberatungsstellen.
Eine kleine Gruppe von Jugendlichen (zwischen 3 und 4 %) konsumiert
Ecstasy und Amphetamine. Auch wenn dieser Anteil nicht zunahm, ist
die Zahl der polizeilich erstauffälligen Ecstasykonsumenten stark gestiegen.
Außerdem berichten szenenahe Einrichtungen von riskanteren
Konsummustern gerade bei sehr jungen Konsumenten von sog.
"Partydrogen". Inzwischen gibt es hier kaum Unterschiede zwischen den
alten und den neuen Bundesländern.
Die Gruppe der Kokainkonsumenten ist zwar noch immer klein (rund 2,5
% der Erwachsenen hat Konsumerfahrungen und rund 1,5 % konsumieren
aktuell), aber sie nimmt stetig zu, auch die Zahl derjenigen, die in
Behandlungseinrichtungen wegen Probleme mit Kokainkonsum behandelt
werden.
Der Konsum von Opiaten, hier vor allem Heroin, stagniert auf einem leider
zu hohen Niveau, denn die gesundheitlichen und sozialen Folgen einer
Heroinabhängigkeit sind gravierend. Auch wenn nur weniger als 1 % der
erwachsenen Bevölkerung Erfahrungen mit dem Konsum von Heroin hat, ist
die gesundheitliche, psychische und soziale Verelendung in dieser Gruppe
sehr stark. Zwischen einem Drittel und der Hälfte der Heroinabhängigen
befindet sich mittlerweile in einer Behandlung (jeweils rund 10.000 in
ambulanten und stationären drogenfreien Behandlungsmaßnahmen und
rund 50.000 in einer Substitutionsbehandlung, hauptsächlich mit Methadon).
Die vorliegenden Zahlen zeigen den erfreulichen Trend, das der Konsum
von Tabak und Alkohol langsam zurück geht. Äußerst bedauerlich und eine
Mahnung zur Handlung ist die Tatsache, dass riskante Konsummuster in
bestimmten Gruppen, beispielsweise bei jungen Mädchen sowie bei jungen
Aussiedlern, zunehmen. Darüber hinaus ist der Gesamtkonsum von Tabak
und Alkohol noch immer zu hoch. Neben dem großen persönlichen Leid,
das mit einer Sucht und deren Folgen verbunden ist, muss an dieser Stelle
auch auf die sozialen Kosten verwiesen werden. Die sogenannte
"Spaßkultur" von Jugendlichen führt zu einem ernormen Leistungsdruck auf
die jungen Menschen. Während sie unter der Woche Höchstleistungen in
der Schule und im Beruf bringen müssen, wird von ihnen erwartet, am
Wochenende und auf Parties "cool, fit und immer gut drauf" zu sein. Dies
führt dazu, das bei einem Teil der Jugendlichen diese Erwartungen mit Hilfe
des Konsums von illegalen Drogen, hier sind vor allem Ecstasy, Cannabis
und Kokain zu nennen, verknüpft ist. Die bestehenden Hilfsangebote der
Jugend- der Drogenhilfe müssen auf diese spezielle Gruppen noch besser
ausgerichtet werden. Das Bundesmodell "Frühintervention bei
erstauffälligen Drogenkonsumenten" (FRED) ist ein Beispiel für besondere
Hilfsangebote. Es richtet sich speziell an Jugendliche und junge
Erwachsene, die als Konsumenten mit Drogen experimentieren und
strafrechtlich bzw. polizeilich auffällig geworden sind, ohne bereits abhängig
zu sein. In einem frühen Experimentierstadium des Drogenkonsums werden
Angebote zu Hilfe und Ausstieg gemacht, damit der Drogenkonsum nicht zu
gesundheitlichen und sozialen Schäden führt. Ein anderes Beispiel ist das
im Sommer startende Internetprojekt "drugcom", mit dem die
Kommunikation mit Jugendlichen gefördert wird, die mit herkömmlichen
Angeboten nicht erreicht werden.
Der 1990 verabschiedete "Nationale Rauschgiftbekämpfungsplan"
entspricht nicht den aktuellen Erkenntnissen der Forschung und Praxis der
Suchtkrankenhilfe und ist einseitig auf illegale Drogen ausgerichtet. Eine
einseitige Fixierung auf illegale Drogen übersieht die gravierenden sozialen
und gesundheitlichen Auswirkungen des Missbrauchs legaler Suchtstoffe.
Wir brauchen eine neue Sucht- und Drogenstrategie, die verbindliche Ziele
formuliert. Daraus sollen dann konkrete Maßnahmen abgeleitet werden, wie
diese Ziele erreicht werden können. Eine Schlüsselrolle spielt dabei ein
neues Präventionskonzept, dass Kinder und Jugendliche stark macht, dass
sie Wut, Trauer und Misserfolge auch ohne den Griff zur Flasche, Pille oder
sonstigen Drogen aushalten lernen
Der Droge ist es egal, ob sie legal oder illegal ist - sie ist immer gleich
schädlich.
Neben den zentral organisierten Aktions- und Aufklärungsformen müssen
wir die viel-fältigen Möglichkeiten lokaler Prävention stärker nutzen. Ein
Beispiel dafür ist der von mir begonnene Wettbewerb um das "beste
Präventionskonzept", welcher unter den Städten, Gemeinden und Kreisen
ausgeschrieben wird. Auf lokaler Ebene sind die Drogenprobleme und
deren Folgen im wahrsten Sinne des Wortes hautnah zu erleben. Derjenige,
der vor Ort mit den Menschen arbeitet, weiß am besten, wie diese
anzusprechen sind und wie man ihnen helfen kann. Deshalb setze ich in
Ergänzung der bereits geleisteten Präventionspolitik, auf lokale
Präventionsstrategien. Wir können den Menschen, die ein Suchtproblem
haben, helfen. Doch die beste Hilfe die wir den Menschen geben können,
ist einem gefährdeten Menschen so weit zu helfen, dass er gar nicht erst
süchtig wird. Dies sehe ich als eine meiner zentralen Aufgaben als Drogen-
und Suchtbeauftragte der Bundesregierung in meinem neuen Amt."
- Die im Sucht- und Drogenbericht vermerkten Zahlen gehen
überwiegend auf zwei aktuelle Studien zurück, die im Auftrag des
Bundesministerium für Gesundheit erstellt worden sind. Die Studien
liegen Anfang Mai in gedruckter Form vor und werden dann
vorgestellt.
- Kolte, B. et.al. (1999): Bremer Freizeit- und Gesundheitsstudie; Ergebnisreader; Bremer
Institut für Drogenforschung (BISDRO) an der Universität Bremen
- Kiss, A. (1997): Gesundheit und Gesundheitsverhalten von Jugendlichen in Berlin unter
besonderer Berücksichtigung der Ergebnisse der Schulentlassungsuntersuchungen
1994/95; Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales; vgl. auch: Hartmann, U. (1998):
Epidemiologische Studie zum Medikamentenkonsum von Jugendlichen; Berlin
- Schubert, I. et. al. (2001): Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen.
Verordnungen in den 90er Jahren; In: Deutsches Ärzteblatt; Heft 9 vom 2. März 2001