Drogen- und Suchtbericht 2002 Bundesministerium für Gesundheit
Stand: April 2003
Presseerklärung
Erneuter Rückgang bei den Drogentodesfällen
Erhebliche Gesundheitsschäden durch Alkohol- und Nikotinkonsum
Anlässlich der heutigen Vorstellung des Drogen- und Suchtberichts erklärt die Parlamentarische Staatssekretärin und Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marion Caspers-Merk:
"Für die Bundesregierung hat die Auseinandersetzung mit den vielfältigen Suchtproblemen in unserer Gesellschaft eine herausragende Bedeutung. Es geht darum, die Betroffenen und Angehörigen vor viel Leid und gleichzeitig die Gesellschaft als ganzes vor Schaden zu bewahren. Suchtabhängigkeit ist eine Krankheit, die sich mit einer guten Aussicht auf Erfolg behandeln lässt.
Ich freue mich besonders, dass sich der rückläufige Trend bei den Todesfällen infolge des Konsums illegaler Drogen bestätigt hat. Nach einem Rückgang von fast 10% im Jahr 2001 gab es einen erneuten Rückgang um 17,5% im Jahr 2002. Mit 1.513 drogenbedingten Todesfällen liegen wir jetzt ungefähr auf dem Niveau von 1990, bevor die Zahlen in den frühen 90er Jahren in die Höhe geschnellt sind. Der rückläufige Trend ist für mich ein Beweis, dass wir auf dem richtigen Weg sind, und ein Ansporn, unsere erfolgreiche Arbeit fortzusetzen. Wir müssen die drogenabhängigen Menschen dort abholen, wo sie sind. Deshalb stellen wir ihnen alle denkbaren Hilfen zur Verfügung - von der abstinenzorientierten oder medikamentengestützten Therapie bis zu Maßnahmen der Überlebenshilfe.
Auch Konsumräume leisten einen wichtigen Beitrag: Notfallhilfe ist bereitgestellt, Ansprechpersonen für weiterführende Therapien sind zugegen, Infektionsrisiken werden gesenkt. Die im europäischen Vergleich niedrige HIV-Infektionsrate in Deutschland ist auch ein Ergebnis dieser Einrichtungen. Das Modellprojekt der heroingestützten Behandlung ist in den sieben teilnehmenden Städten angelaufen. Die ersten Erfahrungen stimmen positiv: die Haltequote ist hoch, die Probanden stabilisieren sich gesundheitlich, viele haben den vorher praktizierten Mischkonsum eingestellt und es gibt wenig Probleme im Umfeld der Ambulanzen.
Alltagssüchte bekämpfen (nach oben)
Neben der Reduzierung des Konsums von illegalen Drogen legt die Bundesregierung ein Hauptaugenmerk auf die Bekämpfung der so genannten "Alltagssüchte". Die Abhängigkeit von Nikotin, Alkohol und Medikamenten hat ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen. Die damit verbundenen Gesundheitsrisiken dürfen keinesfalls bagatellisiert werden. Es ist ein Erfolg unserer Politik, dass die Brisanz dieser Alltagssüchte inzwischen in der breiten Öffentlichkeit erkannt wird. Jedes Jahr sterben in Deutschland über 40.000 Menschen infolge ihres Alkoholkonsums, über 50.000 alkoholkranke Menschen wurden in Fachkliniken und Suchtbehandlungseinrichtungen behandelt, über 1,2 Mio. Menschen gelten als alkoholabhängig - davon sind ungefähr ein Drittel Frauen. Bei der Medikamentenabhängigkeit, unter der in Deutschland ebenfalls ca. 1,2 Mio. Menschen leiden, beträgt der Frauenanteil zwei Drittel. Die Bundesregierung hält es deshalb für sehr wichtig, sich weiter für eine geschlechtssensible Suchtberatung- und behandlung einzusetzen. Eine besondere Zielgruppe mit einem hochriskanten Alkoholkonsummuster sind Jugendliche, die "Binge drinking", das gezielte Rauschtrinken, praktizieren. Die Bundesregierung verfolgt diesen Trend mit großer Aufmerksamkeit und Sorge und entwickelt gerade ein Modellprojekt, um diese Jugendlichen möglichst frühzeitig zum Ausstieg zu bewegen.
In Deutschland rauchen 16,7 Mio. Menschen, über 110.000 Menschen sterben jährlich an tabakbedingten Krankheiten - das sind über 300 Todesfälle pro Tag! Die Bundesregierung hat Anfang April eine breit angelegte Präventionskampagne gegen das Rauchen bei Jugendlichen gestartet. Das Einstiegsalter beim Rauchen ist mit 13,6 Jahren erschreckend niedrig. Es ist das erklärte Ziel der Bundesregierung, die Raucherquote bei Jugendlichen von derzeit 28% auf 20% zu senken. Darüber hinaus soll das Nichtrauchen in Deutschland zum Normalfall werden. Ab Sommer 2003 wird ein Anti-Tabak-Programm umgesetzt, das diesem Ziel verpflichtet ist.
Das Anti-Tabak-Programm steht in engem Zusammenhang mit dem "Aktionsplan Drogen und Sucht", der ebenfalls im Sommer verabschiedet wird. Er liefert eine Strategie für die Drogen- und Suchtpolitik der nächsten 10 Jahre. Suchtprobleme sind nur gesamtgesellschaftlich zu lösen, alle Kräfte müssen an einem Strang ziehen. Der Aktionsplan Drogen und Sucht wird die Grundlage für eine konzertierte Aktion mit dem Ziel, die Suchtprobleme in Deutschland nachhaltig zu reduzieren."
Die Drogen- und Suchtpolitik der Bundesregierung basiert auf den vier Säulen Prävention, Behandlung, Überlebenshilfen sowie Repression und Angebotsreduzierung. Die Bundesregierung wird den schon erfolgreich beschrittenen Weg weitergehen. Die Ziele sind:
- frühzeitig Suchtprobleme zu erkennen und anzusprechen;
- rechtzeitig qualifizierte Hilfen für Suchtgefährdete und Suchtkranke anzubieten;
- Überlebenshilfen auszubauen;
- das Angebot an Suchtmitteln einzuschränken
- kriminellen Drogenhandel konsequent zu bekämpfen;
- international eine ausgewogene Drogenpolitik zu verfolgen.
Vorbeugen ist besser als heilen. (nach oben)
Die Prävention hat in der Drogen- und Suchtpolitik der Bundesregierung eine herausragende Bedeutung. Es können viele Schäden für den einzelnen und die Gesellschaft als ganzes von vornherein abgewendet werden, wenn ein gesundheitsschädlicher Konsum von Suchtmitteln - seien sie nun legal oder illegal - erst gar nicht eintritt. Je früher die Prävention den Menschen erreicht, desto nachhaltiger sind die Effekte. Eine besondere Zielgruppe für die Prävention sind deshalb junge Menschen. Es kommt darauf an, dass sie möglichst früh gesundheitsbewusstes Verhalten erlernen. Dies gilt insbesondere angesichts aktueller Trends, wie dem "Binge drinking", oder dem Mischkonsum in der "Party-Szene". Die Bundesregierung verfolgt diese Trends aufmerksam, führt Modellprojekte und Tagungen durch, damit geeignete Hilfsangebote entwickelt werden. Die Gesellschaft als ganzes muss sich aber fragen, warum Jugendliche zunehmend Extremerfahrungen in dem exzessiven Konsum von Suchtmitteln suchen.
Suchtkranke haben Anspruch auf eine qualifizierte Behandlung! (nach oben)
Die Behandlung von Suchterkrankungen bildet die zweite Säule der Drogen- und Suchtpolitik. Wie bei der Prävention ist es auch hier wichtig, das Behandlungsangebot möglichst genau auf den suchtkranken Menschen und seine spezielle Lebenslage abzustimmen. Wir haben in Deutschland bereits ein sehr diversifiziertes Angebot, es reicht von der ambulanten Beratungseinrichtung bis hin zur stationären Rehabilitation. Die Behandlungsangebote gilt es jedoch laufend den sich verändernden Bedürfnissen suchtkranker Menschen, die sich beispielsweise aufgrund neuer Suchtmittel oder Konsummuster ergeben, anzupassen.
Im Jahr 2002 ist sowohl die Gesamtzahl der Entwöhnungsbehandlungen wie auch die Anzahl der ambulanten Maßnahmen gestiegen. In Deutschland wurden im letzten Jahr über 50.000 alkoholkranke Menschen in Fachkliniken und Suchtbehandlungseinrichtungen behandelt. Seit 1998 haben insbesondere die wohnortnahen ambulanten Behandlungen für Alkoholkranke um mehr als ein Drittel zugenommen. Über 13.000 Opiatabhängige wurden behandelt, überwiegend stationär. Auch hier ist die Anzahl der ambulanten Behandlungen um über 20% gestiegen. Darüber hinaus wurden rund 50.000 Substitutionsbehandlungen als ambulante Maßnahmen durchgeführt.
Nur wer seine Sucht überlebt, kann aus ihr aussteigen! (nach oben)
Das Angebot von Überlebenshilfen bildet eine eigenständige Säule innerhalb der Drogen- und Suchtpolitik. Es richtet sich an schwerstabhängige Menschen, deren Überleben es zunächst zu sichern gilt. Diese Suchtkranken sind oftmals erst dann in der Lage, den Weg einer Therapie einzuschlagen, wenn sie sich durch die Nutzung von Überlebenshilfen stabilisiert haben. Überlebenshilfen verfolgen also eine doppelte Zielsetzung: Sie retten zunächst Leben, um die Suchtkranken dann einer effektiven Behandlung zuzuleiten.
Die Verfügbarkeit von Suchtmitteln muss eingeschränkt werden. (nach oben)
Das Ausmaß an Suchterkrankungen hängt auch von der Verfügbarkeit der Suchtmittel ab. Angebotsreduzierung und repressive Maßnahmen bilden deshalb ebenfalls eine unverzichtbare Säule einer ausgewogenen Drogen- und Suchtpolitik. Dies gilt für illegale Suchtstoffe, deren Produktion, Handel und Besitz per Gesetz strafbewehrt verboten sind, genauso wie für die so genannten legalen Suchtstoffe, deren Verfügbarkeit es zum Beispiel für Jugendliche einzuschränken gilt. Im Bereich der Repression zeigte sich, dass eine ausgewogene Strategie, die auch die Reduzierung des Angebots an illegalen Drogen einbezieht, richtig ist. Ohne chemische Vorläufersubstanzen (so genannte Grundstoffe) können Drogen nicht hergestellt werden. Deshalb wurde in der Europäischen Union und in Deutschland die Kontrolle und Überwachung des Binnen- und Drittlandhandels mit Grundstoffen ausgebaut. Die Sicherstellungen von illegalen Drogen sind leicht zurückgegangen, ebenso die Zahl der erstauffälligen Drogenabhängigen.