Jahresbericht über den Stand des Drogenproblems in der Europäischen Union
Die Aufgaben der Beobachtungsstellen
Als eine Informationsstelle der Europäischen Gemeinschaft hat sich die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD oder ,'Beobachtungsstelle') entsprechend der Verordnung über ihre Schaffung das Ziel gesetzt, auf europäischer Ebene objektive, zuverlässige und vergleichbare Informationen über die Probleme Drogen und Drogensucht und ihre Folgen bereitzustellen. Da das Drogenphänomen vielfältige, komplexe und eng verknüpfte Aspekte umfaßt, die schwer voneinander zu trennen sind, steht die Beobachtungsstelle vor einer globalen Aufgabe - den Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) und der Gemeinschaft ein umfassendes statistisches, dokumentarisches und technisches Bild von der Drogenproblematik zu vermitteln.
Das Wichtigste in Kürze (nach oben)
- Der Anteil der Erwachsenen an der Gesamtbevölkerung, die angeben, schon einmal eine illegale Droge ausprobiert zu haben, beträgt in einigen Ländern 5-8 Prozent, in anderen sogar 11-16 Prozent. Bei den jüngeren Erwachsenen erreicht er 10-20 Prozent oder mehr.
- Weitaus geringer ist der Anteil derer, die einen Drogenkonsum in den vergangenen 12 Monaten angeben. Für Cannabis beträgt er 1 bis ca. 5 Prozent, in den jüngeren Altersgruppen allerdings 5-15 Prozent.
- Nach wie vor ist Cannabis in der gesamten Europäischen Union die am weitesten verbreitete illegale Droge. In jüngster Zeit vermeldeten einige Länder einen Anstieg des Cannabis-Konsums. Der gelegentliche oder vorübergehende Gebrauch ist dabei weitaus üblicher als der häufige Konsum.
- Kokainkonsum ist seltener (weniger als 2 Prozent der Bevölkerung), doch waren in den meisten Ländern mäßige Steigerungen der Prävalenz zu verzeichnen. Der Konsum erfolgt in der Regel in einem bestimmten sozialen Umfeld und über einen begrenzten Zeitraum. In jüngster Zeit hat sich bei gesellschaftlichen Randgruppen in einigen Großstädten das Rauchen von Crack zu einem deutlichen Problem entwickelt.
- Der Anteil derer, die schon einmal Heroin ausprobiert zu haben, beträgt in der Gesamtbevölkerung in der Regel bis zu einem Prozent. Allerdings ruft es von allen Drogen die stärksten Probleme hervor. Die Gesamtzahl der Heroinsüchtigen in der EU dürfte sich zwischen 500 000 und einer Million bewegen.
- Angaben zum Preis und Reinheitsgehalt der Drogen sind nur spärlich vorhanden, doch weist nichts darauf hin, daß das Angebot an Heroin oder Kokain nachläßt.
- Seit Ende der achtziger Jahre sind Amphetamine, Ecstasy und teils auch LSD bei den Jugendlichen stärker in Mode gekommen. Bei den 18- bis 20jährigen liegt der Anteil derer, die Amphetamine ausprobiert haben, im Bereich zwischen 3-4 und 9-10 Prozent; bei Ecstasy und LSD verhält es sich ähnlich.
- In der Regel haben 5 bis 15-20 Prozent der 15- bis 16jährigen schon einmal Cannabis ausprobiert. 6 Prozent haben Erfahrungen mit Lösungsmitteln und 4-5 Prozent mit Amphetaminen, Ecstasy oder LSD gesammelt.
- Viele Länder verzeichneten in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre und zu Beginn der neunziger Jahre einen deutlichen Anstieg der Zahl drogenbedingter Todesfälle. Diese Zahl hat sich anschließend auf dem erreichten Stand eingependelt, ist jetzt aber offensichtlich erneut im Steigen begriffen.
- Vielfach wird ein verstärkter Mißbrauch von Medikamenten wie beispielsweise Beruhigungsmitteln oder Schmerztabletten vermeldet, und es wird über wachsende Probleme im Hinblick auf den kombinierten Gebrauch verschiedener Drogen berichtet.
- Bei 70-95 Prozent aller neuen Patienten ist Heroin die Hauptdroge, wobei im Norden Europas allerdings die Amphetamine eine bedeutende Rolle spielen. Der Anteil des intravenösen Konsums liegt zwischen 15 und nahezu 90 Prozent in Frankreich, Griechenland und Italien.
- Das Alter der neuen Klienten der Therapieeinrichtungen liegt im Durchschnitt bei Anfang 20 bis Anfang 30, und zwei Drittel oder mehr sind Männer.
- Extrem starke Unterschiede bestehen im Hinblick auf die drogenbedingten HIV- und AIDS-Fälle bei intravenös Drogensüchtigen, wobei der Anteil der Neuinfektionen mit dem HIV- Virus generell zurückgegangen ist. Die Verhaltensweisen, die zur Übertragung des HIV-Virus führen, werden jedoch beibehalten, so daß eine weitere Ausbreitung möglich ist.
- Seit den achtziger Jahren war in den meisten Ländern ein Anstieg der Gesamtzahl der Verstöße gegen Betäubungsmittelgesetze zu verzeichnen, in mehreren, vielleicht auch vielen Ländern befindet sich unter den Insassen von Strafvollzugsanstalten ein beträchtlicher Anteil von Drogenkonsumenten (oftmals 30-40 Prozent).
- Die Heroin-Sicherstellungen nahmen in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre kontinuierlich zu, zeigten eingangs der neunziger Jahre einen Rückgang und stiegen 1994 erneut an. Bei den Kokain- und Amphetamin-Sicherstellungen war in den neunziger Jahren ein Anstieg zu erkennen, der allerdings in letzterem Falle fast gänzlich auf ein einzelnes Land zurückging.
- Angesichts der zunehmenden Verbreitung des Drogenmißbrauchs und der damit einhergehenden sozialen und gesundheitlichen Probleme haben die meisten EU- Mitgliedstaaten ihre Investitionen auf dem Gebiet der Nachfragereduzierung verstärkt.
- EU-weit gehen die nationalen Drogenstrategien davon aus, daß die Verantwortung für die Nachfragereduzierung auf kommunaler Ebene liegt, und von den gesetzlich festgelegten und freien Trägern sowie von den unterschiedlichsten Berufsgruppen gemeinsam zu tragen ist. Diese Auffassung findet ihren Ausdruck in der dominierenden Rolle dezentraler Initiativen.
- Die Verhinderung des Drogenkonsums wird als globale Schwerpunktaufgabe gesehen. Anspruchsvollere Präventionsprogramme verknüpfen Informationskampagnen mit dem Versuch der Einflußnahme auf Einstellungen und Verhaltensweisen. EU-weit wird dabei auf Lösungsansätze zurückgegriffen, in deren Mittelpunkt die Faktoren stehen, die Jugendliche zu Drogen greifen lassen bzw. vom Drogenkonsum abhalten. Dies bedingt eine Schwerpunktverlagerung von den Drogen zu den breiteren familiären und sozialen Einflüssen.
- Schulprogramme, die in vielen Ländern im Lehrplan der Sekundarstufe gesetzlich vorgeschrieben sind, stellen die häufigste Form der Primärprävention in Europa dar. EU- weit wird dabei der Einbeziehung der Eltern ein hoher Stellenwert beigemessen.
- Für den Erfolg der Präventionsprogramme lassen sich kaum Beweise vorlegen. Primärpräventionsprogramme scheinen dann am besten zu greifen, wenn sie frühzeitig einsetzen und nahtlos bis zum Abschluß der Sekundarstufe weitergeführt werden. Eine Einflußnahme auf die Einstellung der Jugendlichen zu Drogen und zu sich selbst führt hier offensichtlich zu günstigeren Ergebnissen. Experten setzen dabei in erster Linie auf Programme, die das Problem der illegalen Drogen im Zusammenhang mit legal erhältlichen Suchtmitteln und der Förderung des Gesundheitsbewußtseins allgemein ansprechen.
- Kampagnen in den Massenmedien rücken das Problem stärker ins Bewußtsein der Öffentlichkeit, bringen aber allein noch keine veränderten Verhaltensweisen oder signifikant neue Haltungen hervor. Angesichts dieser Tatsache wollen Mitgliedstaaten, die sich für die Durchführung von Massenmedienkampagnen entscheiden, oftmals nur das Bewußtsein für die Probleme schärfen oder die Öffentlichkeit besser ins Bild setzen.
- An die Stelle der klassischen Behandlungskette sind mittlerweile weitaus flexiblere und differenziertere Behandlungsangebote getreten. Durch das Zusammenspiel von stationären und ambulanten Angeboten können Drogenkonsumenten und deren Familien in den Mitgliedstaaten mittlerweile aus einer breiten Palette von unterschiedlichen gemeindenahen Hilfeangeboten wählen.
- Während einige Mitgliedstaaten weiter an den klassischen Zielen - d.h. der Unterstützung von Drogenkonsumenten bei Entwöhnung und der Gestaltung einer drogenfreien Lebensweise - festhalten, konzentrieren sich andere in erster Linie auf eine Eindämmung der mit dem Drogenmißbrauch verbundenen Gefahren.
- Therapiegemeinschaften sind im Süden der Gemeinschaft verbreiteter als in den nördlichen Ländern. Auf diesem Gebiet ist eine Entwicklung hin zu kürzeren, professioneller gestalteten, stärker auf die Bedürfnisse des einzelnen zugeschnittenen Therapien festzustellen, die die Patienten auch verstärkt auf die Zeit nach der Therapie vorbereiten wollen.
- Es gibt nur wenige Untersuchungen mit konsistenten Ergebnissen. Als zuverlässigster Prognosefaktor gilt immer noch der Abschluß eines Programms. Und je länger die Abstinenz anhält, desto wahrscheinlicher ist es, daß der Betroffene das Programm fortführt.
- Die Verhinderung (weiterer) Schäden für die Drogenkonsumenten spielt in der Drogenpolitik vieler Länder eine Rolle. Im Mittelpunkt steht dabei zumeist die Senkung der Gesundheitsrisiken, insbesondere des Risikos einer HIV- oder sonstigen Infektion, sowie die frühzeitige Einleitung einer Behandlung.
- Fehlendes Know-how und Selbstvertrauen erschweren die Einbeziehung von einschlägigen Fachkräften in die Drogenprävention und -behandlung, so daß den Drogenkonsumenten medizinische Betreuungs- und Sozialleistungen vorenthalten bleiben, die der übrigen Bevölkerung zur Verfügung stehen. Daraus ist zum Teil ersichtlich, daß die Erarbeitung professioneller Schulungsprogramme in allen Mitgliedstaaten unbedingt erforderlich ist.
Geschichtlicher Abriss der Massnahmen zur Nachfragereduzierung (nach oben)
Seit der ersten internationalen Übereinkunft zur Drogenproblematik aus dem Jahre 1912 war die internationale Strategie der Drogenbekämpfung in erster Linie auf die Überwachung des Angebots legaler und illegaler Drogen ausgerichtet. Erste Anzeichen zur Schaffung eines Gegengewichts in Form der Nachfragereduzierung gab es 1972, als das Protokoll zur Änderung des Einheitsübereinkommens der Vereinten Nationen über Suchtstoffe aus dem Jahre 1961 verabschiedet wurde. Darin wurde die Notwendigkeit unterstrichen, Strafmaßnahmen durch Erziehungs-, Behandlungs- und Wiedereingliederungsangebote für Drogenkonsumenten zu ergänzen oder zu ersetzen.
Im Jahre 1972 fand zudem die erste UNESCO-Konferenz zur Drogenprävention statt. Allerdings dauerte es noch bis Ende der 80er Jahre, bevor die Nachfragereduzierung offiziell auf die internationale Tagesordnung gesetzt wurde. Damit sollten unter anderem die den drogenproduzierenden Entwicklungsländern gestellten Auflagen ein Gegenstück in entsprechenden Verpflichtungen der Industrieländer als den Hauptabnehmern von illegalen Drogen finden. Auf der Internationalen Konferenz der Vereinten Nationen über Drogenmißbrauch und illegalen Drogenhandel wurden 1987 Prävention und Nachfragereduzierung erstmals als eines von vier Schwerpunktgebieten der internationalen Zusammenarbeit genannt. Als entscheidender Meilenstein erwies sich im Folgejahr das Übereinkommen der Vereinten Nationen gegen den Handel mit illegalen Drogen und psychotropen Stoffen, in dem sich die Signatarstaaten zur Beseitigung oder Reduzierung der Drogennachfrage verpflichteten.
Europa tritt auf den Plan (nach oben)
Der offizielle Beginn der europäischen Zusammenarbeit im Bereich der Nachfragereduzierung fällt in das Jahr 1971, als im Rahmen des Europarates die pompidou-Gruppe ins Leben gerufen wurde, um die Probleme des Droqenmißbrauchs und des illegalen Drogenhandels unter multidisziplinären Aspekten zu beleuchten. Dabei handelte es sich um ein Gremium, das noch heute unabhängig von der Europäischen Union tätig wird. Mitte der achtziger Jahre trat dann die Europäische Kommission auf den Plan. Gemeinsam mit der Pompidou-Gruppe und dem europäischen Büro der Weltgesundheitsorganisation arbeitete sie an einem Projekt für Gesundheitserziehung und Prävention in den Schulen. Zum Interessensbereich der Pompidou-Gruppe gehörten darüber hinaus auch die Probleme von Süchtigen.
Ab 1984 entwickelte sich die Drogenproblematik durch Initiativen des Rates, des Europäischen Parlaments und der Europäischen Kommission auch zu einem Schwerpunkt gemeinschaftsweiter Zusammenarbeit. Ihren Höhepunkt findet diese Entwicklung 1990 mit dem ersten europäischen Plan zur Drogenbekämpfung, der die Nachfragereduzierung als eine Schwerpunktaufgabe nennt. Wenngleich die Hauptverantwortung für die Entwicklung geeigneter Programme zur Nachfragereduzierung bei den Mitgliedstaaten verblieb, steckte der Plan doch zugleich Gebiete für gemeinschaftweite Aktionen ab. Im Zuge des Inkrafttretens des Vertrags über die Europäische Union 1993 wurde ein aktualisierter Aktionsplan erarbeitet, in dem die Nachfragereduzierung zu einem Schlüsselelement der europäischen Strategie erhoben wurde. Im EU-Vertrag waren die Grundlagen für gemeinsame Initiativen der Gemeinschaft zur Krankheitsverhütung und zum Gesundheitsschutz verankert, wobei als konkrete Bedrohung einzig und allein die Drogenabhängigkeit angeführt wird. Vor diesem Hintergrund hat die Kommission die Verhinderung von Drogenabhängigkeit zu einer Schwerpunktaufgabe erklärt.
Entwicklung anspruchsvollerer Konzepte (nach oben)
Die in den siebziger Jahren auf die Schulen konzentrierten europäischen Präventionsinitiativen setzten auf den fragwürdigen Abschreckungseffekt der Erregung von Furcht, d.h. es wurden die schrecklichen Folgen des Drogenkonsums aufgezeigt und oftmals mit 'bewußtseinserweiternden' Bildern untermalt, die die Jugend ansprechen sollten. Die Jugend fühlte sich sicher auch angesprochen, allerdings nicht immer mit dem gewünschten Ergebnis. Erst in den achtziger Jahren, als Forschungsarbeiten die psychosozialen Hintergründe des Drogenkonsums aufdeckten, begann man, diesen Aspekten auch mit anspruchsvolleren Bildungskonzepten Rechnung zu tragen.
Während der siebziger und achtziger Jahre waren in Europa weitgehend von in den USA konzipierte Präventionskonzepte (in denen die Theorie und Forschung zu diesem Thema weitaus besser entwickelt ist) vorherrschend, und haben auch heute noch großen Einfluß. Erst in jüngster Zeit haben die in Europa für Prävention verantwortlichen Stellen damit begonnen, angespornt durch entsprechende Forschungsansätze in Europa, den konkreten soziokulturellen Hintergrund, vor dem die Präventionskonzepte umgesetzt werden sollen, mit ins Kalkül zu ziehen. Dabei konnten sie sich auf erste Ergebnisse der mittlerweile auch in Europa auf diesem Gebiet angelaufenen Untersuchungen stützen.
Schadensbegrenzung rückt zusätzlich zur Abstinenz zum Schwerpunktziel auf (nach oben)
Ursprünglich war die Drogentherapie der Psychiatrie zugeordnet. In den siebziger Jahren entstanden dann Spezialeinrichtungen für die Behandlung von Drogensüchtigen, die wiederum stark nach US-amerikanischem Muster aufgebaut waren. Neben den konventionellen Behandlungseinrichtungen für Suchtkranke entwickelten sich auch therapeutische Wohngemeinschaften, die in einigen Fällen eine Ergänzung, häufig aber vor allem eine Herausforderung für das 'medizinische Modell' darstellten. Ausgehend von einem Selbsthilfeansatz, in dem die Teilnehmer durch eine hierarchische Struktur gefördert werden sollten, betrachteten diese Gruppen die Befreiung von ihrer Sucht häufig als eine lebenslange Aufgabe.
Ziel der frühen therapeutischen Konzepte war die totale und lebenslange Abstinenz, die in einigen Fällen auch auf legale Drogen ausgedehnt wurde. Als sich Ende der achtziger Jahre herausstellte, daß viele Drogensüchtige HIV-infiziert waren, trug der Handlungsbedarf zur Verhinderung der AIDS-Ausbreitung nachhaltig dazu bei, die Sekundärprävention neu zu beleben. Gleichzeitig wurde für das altbekannte Konzept ein neuer Name gefunden: Schadensbegrenzung. Im Mittelpunkt der Schadensbegrenzung steht mittlerweile die Verhinderung der Verbreitung des HIV-Virus durch infizierte Injektionsnadeln. Andere Elemente des Schadensbegrenzungskonzepts sind bereits vor Bekanntwerden der HIV- Problematik entwickelt worden, z.B. die Verabreichung von Ersatzdrogen für Heroinsüchtige wie Methadon. Selbst die ersten Programme zum Spritzentausch, die heute in vielen Ländern als ein Schlüsselinstrument bei der Verhinderung der HIV-Infektion gelten, zielten ursprünglich noch bevor das HIV-Virus in die Schlagzeilen geriet - auf eine Eindämmung der Hepatitisgefahr ab.