Bericht der Drogenbeobachtungsstelle 2002
Europäische Drogenstrategien gezielter ausgerichtet
- SCHÄTZUNGSWEISE 2 BIS 9 PROBLEMDROGENKONSUMENTEN JE TAUSEND EINWOHNER ZWISCHEN 15 UND 64 JAHREN
- 5 BIS 15 % DER JUNGEN ERWACHSENEN IN DER EU HABEN IN JÜNGSTER ZEIT CANNABIS KONSUMIERT
- SCHÄTZUNGSWEISE 2 BIS 5 FÄLLE VON INTRAVENÖSEM DROGENKONSUM JE TAUSEND EINWOHNER ZWISCHEN 15 UND 64 JAHREN
- KONSUM VON SYNTHETISCHEN DROGEN WEITERHIN BEUNRUHIGEND HOCH
- NACH MELDUNGEN AUS EU-LÄNDERN BEFINDEN SICH IMMER MEHR KLIENTEN IN BEHANDLUNG
- DROGENBEDINGTE TODESFÄLLE WEITER AUF GLEICHEM STAND
Cannabis ist weiterhin die am meisten konsumierte illegale Droge in Europa. In Finnland haben 10 %, in Dänemark und dem Vereinigten Königreich bis zu 25-30 % aller Erwachsenen irgendwann in ihrem Leben Cannabis konsumiert. Belgien, Deutschland, Spanien, Frankreich, Irland und die Niederlande melden jeweils Ziffern von etwa 20 %. Im Gegensatz dazu liegen die zuletzt aus den USA gemeldeten Daten zur sog. "Lebenszeiterfahrung" bei 34 % für alle Einwohner im Alter von über 12 Jahren.
Für den Cannabis-Konsum in den letzten 12 Monaten melden die meisten EU-Länder 5-10 %, allein für junge Erwachsene allerdings bis zu 18 %. Hingegen scheint sich der Cannabis-Konsum in einigen Ländern wie Irland, den Niederlanden, Finnland und Norwegen auf gleichem Stand einzupendeln, ja sogar zurückzugehen, in den anderen EU-Ländern allerdings zuzunehmen.
Der Konsum anderer Drogen ist weit weniger verbreitet, sowohl bei Jugendlichen als auch allgemein. Männer haben einen stärkeren Drogenkonsum als Frauen. Bei Jugendlichen jedoch ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern weniger auffallend.
Je nach Mitgliedstaat liegt der Probierkonsum von Amphetaminen zwischen 1-6 %, im Vereinigten Königreich allerdings bei 11 %. Für Kokain und Ecstasy werden 0,5-4,5 % gemeldet, für Heroin allgemein weniger als 1 %, wenngleich die Werte bei jungen Männern in einigen Ländern 2-3 % erreichen können. Der Konsum von Amphetaminen, Kokain oder Ecstasy im letzten Jahr liegt im Allgemeinen bei weniger als 1 % der Erwachsenen. Der Konsum von synthetischen Drogen ist weiterhin Besorgnis erregend. Zwar machen die Konsumenten nur 3 % der Allgemeinbevölkerung aus, Sorge bereitet jedoch die Tatsache, dass sich diese Ziffer auf Jugendliche im Nachtleben und in der Dance-Szene konzentriert.
Der Verwaltungsratsvorsitzende der Drogenbeobachtungsstelle Mike Trace stellt fest, dass sich die Ziele der Drogenpolitik und die zu ihrer Umsetzung vorgeschlagenen Maßnahmen in den jüngsten Verbesserungen in den Mitgliedstaaten der EU niedergeschlagen haben. Jetzt stehen wir vor der Herausforderung, diese auch umzusetzen und in aller Aufrichtigkeit ihre Auswirkungen zu bewerten.
Für das Jahr 2000 wird EU-weit über eine Zunahme der Gesamtzahl derjenigen berichtet, die wegen Drogenproblemen in Behandlung stehen - dies ist teilweise auch auf verbesserte Datenerhebung zurückzuführen. Die Anzahl von Heroinabhängigen, die sich in Behandlung begeben, scheint gleichbleibend oder fallend zu sein. Der polytoxikomane Drogenkonsum tritt immer deutlicher zu Tage. Bei Opiatabhängigen wird Cannabis stark als Zweitdroge konsumiert. Der Kokainkonsum ist den Berichten zu Folge ein zunehmendes Problem in der EU - er spielt eine Schlüsselrolle als Sekundärdroge zusammen mit Heroin und Alkohol.
Unter den Klienten, die eine Behandlung aufnehmen, gibt es einen hohen Anteil von Arbeitslosen - in einigen Ländern bis zu 55 % -, selbst wenn der Anteil allgemein unter 5 % liegt. Und bis zu 66 % haben lediglich die Grundschule besucht.
Die HIV-Prävalenz bei injizierenden Drogenkonsumenten liegt bei etwa 1 % im Vereinigten Königreich bis zu 34 % in Spanien. In den jüngsten Jahren hat sich die Gesamtlage nicht geändert. Die Aids-Inzidenz ist in den meisten Ländern sei etwa 1996 zurückgegangen. Portugal hat in der EU weiterhin die höchste Jahresinzidenz von Aids bei injizierenden Drogenkonsumenten.
Jedes Jahr werden aus den EU-Ländern 7 000 bis 8 000 Drogentote gemeldet; in Wirklichkeit liegen die Ziffern aber wahrscheinlich höher. In den letzten Jahren ist die Anzahl solcher Todesfälle gleichbleibend oder fallend. Aus einigen EU-Ländern (Deutschland, Luxemburg und Österreich) wird jedoch ein erneutes Ansteigen nach früheren Rückgängen gemeldet. Dieses ist hauptsächlich auf den Opiatkonsum zurückzuführen. Bei den meisten Todesfällen aufgrund von Überdosierung handelt es sich um junge Männer.
Versuche zur Reduzierung des Drogenangebots (nach oben)
Cannabis ist die am häufigsten beschlagnahmte Droge in jedem Mitgliedstaat, außer in Portugal, wo die Sicherstellungen von Heroin überwiegen. Seit 1996 wurde mehr als die Hälfte aller Sicherstellungen in der EU von Spanien vorgenommen.
Fast 9 Tonnen Heroin wurden im Jahr 2000 beschlagnahmt - ein Drittel davon im Vereinigten Königreich.
Nachdem die Sicherstellungen von Kokain seit Mitte der 80er Jahre ständig zugenommen hatten, zeichnete sich 2000 ein deutlicher Rückgang ab. Hingegen nahmen die Sicherstellungen von Amphetaminen und - ganz deutlich - von Ecstasy zu, was zunehmend zu Besorgnis über den Konsum von synthetischen Drogen Anlass gab.
Der Preis ist in der EU für alle illegalen Drogen im Allgemeinen gleichbleibend oder fallend, nur für braunes Heroin wird hier und da über einen Preisanstieg berichtet.
Drogenpolitiken und -strategien (nach oben)
Bei allen nationalen Drogenstrategien wird jetzt der Akzent auf wirksame Maßnahmen gegen das Drogenproblem gelegt. Schulen kommt dabei höchste Priorität zu. Ebenso geeigneten Maßnahmen im Rechtswesen. Im Bericht heißt es: Die Rechtsbehörden in der gesamten EU wenden eine Reihe von Methoden an mit dem Ziel, Drogendelinquenten aus der Strafverfolgung an eine Therapie heranzuführen. Es gibt immer mehr Bemühungen, alternative Maßnahmen dieser Art zu dokumentieren und zu evaluieren sowie eine Unterscheidung zwischen Drogenkonsumenten und Drogendelinquenten einzuführen. Eine Reihe von EU-Ländern haben sich dafür entschieden, die auf den persönlichen Gebrauch oder den Besitz von Cannabis angedrohten Strafen zu vermindern oder abzuschaffen; dies gilt nicht für andere Substanzen. Nichtsdestoweniger blieb Cannabis im Jahre 2000 die am meisten im Zusammenhang mit Anzeigen/Festnahmen involvierte Droge - in Schweden allein erfolgten sie 37 % und in Frankreich sogar 85 % der Anzeigen/Festnahmen im Zusammenhang mit Cannabis.
Die EBDD hat wiederholt warnend auf den sich - insbesondere im Nachtleben - ausweitenden Markt synthetischer Drogen hingewiesen, und befürwortet eine offene Debatte über geeignete Abhilfemaßnahmen. Was die Streitfrage der Pillentests vor Ort betrifft, so heißt es im Bericht, dass deren Wert durch Fragen der pharmakologischen Genauigkeit und rechtlicher Folgen überschattet wird. Wie der Direktor der Drogenbeobachtungsstelle Georges Estievenart sagt, hat "der Drogenaktionsplan der EU dazu beigetragen, die Notwendigkeit einer Koordinierung der Aktivitäten in den Mitgliedstaaten ins Bewusstsein zu heben. In den letzten Jahren hat sich eine Tendenz entwickelt, drogenpolitische Rahmenvorgaben jeweils in einen Aktionsplan, eine Drogenstrategie oder ein Grundsatzpapier festzuhalten; diese Tendenz hat sich fortgesetzt, allerdings besteht noch eine Lücke zwischen der Strategie in ihrer schriftlichen Form und ihrer Umsetzung in die Wirklichkeit."