Aktion Suchtvorbeugung des Landes NRW

 

Grundsätze

Das Verständnis von Suchtprophylaxe unterliegt einem Wandel. Theorie und Praxis haben in den vergangenen Jahren ausreichend belegt, daß in der Prophylaxe sowohl abschreckende wie auch kognitive Strategien in Form reiner Sachaufklärung wenig erfolgreich sind, dem wachsenden Bedürfnis noch rauschhaftem Erleben durch Drogen, besonders unter jungen Menschen adäquat zu begegnen.

Es wird vielmehr zunehmend deutlich, daß zur Entwicklung sinnvoller suchtvorbeugender Maßnahmen ein Verständnis der tieferen Ursachen von Sucht und Abhängigkeit vonnöten ist. Hierzu will der vorliegende Leitfaden beitragen.

Die Aktion Suchtprophylaxe NRW soll eine Sensibilisierung der Gesamtbevölkerung für die tieferen Ursachen von Sucht und Abhängigkeit einleiten, um somit bereits frühzeitig möglichen Suchtentwicklungen bei Kindern und Jugendlichen wirkungsvoller entgegenzutreten. Jede Sucht und Abhängigkeit trägt eine ihr eigene Geschichte in sich. Erst das Wissen und die Auseinandersetzung über mögliche Ursachen von Sucht ermöglicht ein Präventionsverständnis, das an den Bedürfnissen der Menschen orientiert ist und somit Grundlage für die suchtprophylaktische Praxis darstellt.

Eine ursachenorientierte Prophylaxe hat neben der Vermittlung von Impulsen zur Verbesserung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen besonders bei der Förderung von Persönlichkeitswerten anzusetzen, die dem Mißbrauch und der Abhängigkeit von Drogen entgegenwirken.

Dazu ist es notwendig, die jeweils spezifischen Entwicklungsaufgaben junger Menschen, ober auch die biologischen Grundlagen von Sucht und Abhängigkeit zu kennen. Die Einbeziehung biologischer Mechanismen von Sucht und Abhängigkeit kann darüber hinaus zu einer Enttabuisierung und Entmystifizierung von Drogen und deren Konsum beitragen.

Der vorliegende Text soll Beispiele für Information und Intervention im Bereich Suchtprophylaxe geben; er ist nicht abgeschlossen, sondern wird im Laufe der Aktion Suchtprophylaxe NRW ständig ergänzt und erweitert.  

Struktur der Prophylaxe (nach oben)

Das Land NRW verfügt bereits seit den 80er Jahren über eine klare Organisationsstruktur im Bereich Suchtprophylaxe.

Zahlreiche Mitarbeiter aus Sucht- und Drogenberatungsstellen in NRW haben sich in den vergangenen Jahren um Auf- und Ausbau der Suchtprophylaxe bemüht. Die Mehrzahl der Prophylaxefachkräfte wird aus Landesmitteln mit einem jährlichen Festbetrag von DM 35.000,- gefördert. Die Prophylaxefachkräfte haben sich bereits 1981 zu einer Arbeitsgemeinschaft "Prophylaxe" zusammengeschlossen und bilden derzeit den Kern der inhaltlichen und organisatorischen Suchtprophylaxe in NRW.

Die Koordinierung der Fachkräfte in der Suchtprophylaxe ist zentrale Aufgabe des GINKO in Mülheim, einer kombinierten Jugendberatungs- und Suchtpräventionsstelle. GINKO mit insgesamt vierzehn Mitarbeiter/innen wird vom Land, von der Stadt Mülheim und dem DPWV Landesverband finanziell abgesichert.  

Aufgabenschwerpunkte GINKO (nach oben)

  • konzeptionelle Hilfen und Förderung von Projekten,
  • fachliche Begleitung und Dokumentation von Projekten,
  • institutionelle Beratung anderer Einrichtungen, der Jugendhilfe und der Gesundheitsvorsorge,
  • Fortbildung von Prophylaxefachkräften,
  • Organisation und Durchführung regelmäßiger Arbeitstreffen für Prophylaxefachkräfte,
  • Herausgabe eines monatlichen Info-Dienstes, Versand von Materialien an Fachkräfte.

Über die beschriebene Organisationsstruktur hinaus gibt es an sämtlichen Schulen des Landes für die Sekundarstufen I und II Berater/innen für Suchtvorbeugung. Sie sind in örtlichen Arbeitskreisen zusammengefaßt und werden durch einen erprobten Verbund von Materialien, Medien und Fortbildungsangeboten regelmäßig inhaltlich und konzeptionell unterstützt. Die Materialien sind vom Landesinstitut für Lehrerfortbildung in Kooperation mit dem GINKO und der Arbeitsgemeinschaft Prophylaxe entwickelt worden.

Bei allen Jugendämtern in NRW sind Jugendschutzfachkräfte dafür zuständig, den pädagogischen Jugendschutz im Bereich Sucht und Drogen vor Ort durchzuführen.

Unterstützt werden diese Jugendschutzfachkräfte durch die Aktion Jugendschutz in Köln. Das GINKO und die Arbeitsgemeinschaft Prophylaxe sind in diese Arbeit kooperativ eingebunden. Informationsmaterial zur Suchtvorbeugung wird u.a. vom IDIS in Bielefeld, einer Einrichtung der Gesundheitserziehung und -förderung, verteilt. Die hier beschriebene Organisationsstruktur soll in den kommenden Jahren maßgeblich erweitert werden, um auch bei den Drogenberatungsstellen in den bisher nicht versorgten Städten und Kreisen des Landes ein adäquates Angebot im Bereich Suchtprophylaxe zu schaffen.  

Aufgabenschwerpunkte Fachstellen (nach oben)

Um die verschiedenen Möglichkeiten der Sucht- und Drogenprophylaxe vor Ort besser zu erfassen, zu planen, zu koordinieren und die Bürger für Prävention zu sensibilisieren, werden "Fachstellen für Sucht- und Drogenprophylaxe" in die Landesförderung einbezogen, wenn diese bei den Sucht und Drogenberatungsstellen angesiedelt sind.

Das Land gewährt den Trägern dieser Fachstellen bei den Sucht- und Drogenberatungsstellen als Festbetragsfinanzierung eine Zuwendung von jährlich DM 70.000 für zwei hauptberufliche Vollzeit-Prophylaxekräfte. Seit 1992 werden zu den bereits geförderten Prophylaxefachkräften weitere Stellen gefördert, so daß zukünftig nahezu alle Kreise und kreisfreien Städte über eine "Fachstelle zur Suchtvorbeugung" verfügen werden.

Die Prophylaxefachstellen sollen insbesondere folgende Aufgaben wahrnehmen:

  • Koordination der Prophylaxemaßnahmen vor Ort,
  • Beratung von Bürgern, Multiplikatoren und Institutionen in Fragen der Prävention,
  • Planung und Durchführung eigenständiger Prophylaxemanahmen,
  • Angebot von Fortbildungsmaßnahmen,
  • Beteiligung an der landesweiten Öffentlichkeitsarbeit Sucht und Drogen,
  • Jährliche Dokumentation der sucht- und drogenpräventiven Maßnahmen vor Ort.

Ständige Kooperationspartner der Fachstelle sollten sein:

  • Youth-Worker,
  • Mitarbeiter der kriminalitäts-prophylaktischen Beratungsstellen bei den Kreispolizeibehörden,
  • Schulamtsdirektoren "Gesundheitsförderung und Suchtvorbeugung"
  • Mitarbeiter der Jugendschutzfachstellen,
  • Vorsitzende der Elternkreise suchtgefährdeter Jugendlicher.

Darüber hinaus soll die Fachstelle mit weiteren Einrichtungen und Personen zusammenarbeiten, die auf dem Gebiet der Prophylaxe vor Ort tätig sind, insbesondere mit den Krankenkassen.

Die geplante Erweiterung der Organisationsstruktur der Prophylaxefachkräfte im Land NRW zeigt deutlich den hohen Stellenwert suchtpräventiver Maßnahmen in der zukünftigen Drogenpolitik. Bereits im August 1989 hat das Kabinett eine Öffentlichkeitskampagne zur Suchtprävention beschlossen und das MAGS mit der Durchführung beauftragt. Die Aktion Suchtprophylaxe NRW soll zu einer Sensibilisierung der Bevölkerung für die Bereiche Sucht- und Drogenprävention beitragen. Dabei liegt ein wesentlicher Schwerpunkt von Prophylaxe in der Förderung der Wahrnehmung suchtfördernder Verhaltensweisen bei der Gesamtbevölkerung. Suchtprophylaxe muß deshalb bei den tieferen Ursachen von Sucht und Abhängigkeit ansetzen.  

Ursachen von Sucht und Abhängigkeit (nach oben)

Sucht ist ein multifaktoriell begründetes sehr komplexes Phänomen, das in den vergangenen Jahren jeweils aus unterschiedlichen theoretischen und wissenschaftlichen Positionen heraus betrieben und erforscht wurde. Je nach Standort, theoretischer Verankerung und auf dem Hintergrund des Menschenbildes des jeweiligen Forschers gerieten dabei unterschiedliche Faktoren in den Mittelpunkt der Beschreibung.

Einigkeit besteht bei allen über die Komplexität der Ursache von Sucht und Abhängigkeit, wobei sowohl individuellen (psychischen und physischen) als auch gesellschaftlichen (sozialen bzw. ökonomischen) und suchtmittelspezifischen Faktoren eine Bedeutung bei der Entstehung von Sucht und Abhängigkeit zukommt.

Ein geschlossener theoretischer Ansatz zur Erklärung von Sucht liegt bis heute nicht vor. Gleichwohl ist eine Erklärung für den Mißbrauch von Drogen möglich. Die meisten Suchttheorien gehen aber, teils immanent, teils explizit von einer gemeinsamen Grundvoraussetzung aus, nämlich von der Zielgerichtetheit menschlichen Handelns, wobei wesentliches Ziel menschlichen Handelns das subjektiv erlebte Gefühl des Wohlbefindens ist (Prinzip der Homöostase). Jede Handlung des Menschen wird ursprünglich getragen von diesem Streben nach Wohlbefinden.

Gefühle von Sicherheit, Wohlbehagen und Selbstwert resultieren grundsätzlich aus der geglückten Bindung an Menschen, primär aus der Geborgenheit der kindlichen Bindung, sekundär aus der Vertrautheit mit erwachsenen Partnern und Mitmenschen.

Die erste Sättigung dieses menschlichen Wunsches noch Wohlbefinden liegt in der frühen Erfahrung des Säuglings vom Aufgehobensein mit der Mutter. Die mütterliche Pflegeperson ist für den Säugling ein Teil seiner selbst. Er erlebt sich und die Mutter als Zwei-Einheit innerhalb einer gemeinsamen Grenze. Im Erleben des mütterlichen Schutzes und Versorgtwerdens in physischer und psychischer Hinsicht der "Symbiose" findet das Gefühl von Wohlbefinden seinen ersten Niederschlag. So ist ein Säugling bereits in der Lage, Gefühle von Unlust zu empfinden und zu artikulieren (durch Weinen, Schreien) und durch das eigene Verhalten die Befriedigung seiner Bedürfnisse, d.h. das Herstellen von Wohlbefinden, zu bewirken (auch wenn er dabei wesentlich auf seine Umgebung angewiesen ist).

Das Wohlbefinden des Säuglings resultiert in diesen frühen Interaktionen nicht ausschließlich aus der Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern auch aus dem in dieser frühen Phase noch diffusen Gefühl des "Etwas-Bewirken-Könnens".

Diese beiden Elemente, nämlich das Bewußtsein der eigenen Potenz (im Sinne von Kraft) und die Erfahrung realer Bedürfnisbefriedigung sind für Entwicklung und Wachstum des Menschen sehr bedeutsam, wobei die Erfahrung des "Bewirken-Könnens" mit zunehmender Entwicklung an Bedeutung gewinnt.

Wenn also diese erste Phase im Leben eines Menschen positiv verläuft, dem Säugling eine allumfassende Versorgung gewährt wird, ist bereits ein wesentliches Fundament für die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit gelegt.

Gleichzeitig entwickelt sich aus der primären Erfahrung der Verbundenheit, des Aufgehobenseins und dem damit verbundenen Wohlbefinden in jedem Menschen eine Sehnsucht nach diesem "Aufgehobensein".

Die Erfüllung dieser Sehnsucht, d.h. des Strebens nach Wohlbefinden kann im Erwachsenenleben gesucht und gefunden werden, z.B. in kreativer Tätigkeit, in der Arbeit, in zwischenmenschlichen Beziehungen, Sexualität - aber auch im Rausch.

Im jugendlichen und erwachsenen Alter kann die Versuchung, in diesen frühkindlichen Zustand zurückzufallen und dort zu verharren, überall da bedrohlich werden, wo die eigene Persönlichkeitsstruktur noch wenig gesichert ist und die Gefahr besteht, die genetisch später erworbene Eigenregulation und Selbstverantwortlichkeit wieder aufzugeben. Daher ist die Anfälligkeit für Drogenmißbrauch in sogenannten "Entwicklungskrisen" wie z. B. der Pubertät und Adoleszenz, die mit massiver Verunsicherung in zentralen Lebensbereichen einhergehen, so besonders groß. Sind die Strukturen einer Person jedoch ausreichend gesichert, so ist die zeitweilige Regression in einen symbiotischen Zustand eine besondere Bereicherung und eine Quelle von Kräften.

Das subjektiv erfahrbare Wohlbefinden des Menschen wird wesentlich getragen vom Bewußtsein der eigenen Kompetenz, der Geborgenheit und Sicherheit, der Anerkennung oder Beachtung. Wie bereits dargestellt, setzt diese Entwicklung im menschlichen Leben sehr früh ein.

Allen affektiven Komponenten wie Wohlbefinden, Selbstvertrauen, Selbstverantwortung ist - auf der körperlichen Ebene - eine biologische Matrix unterlegt, d.h. der Körper "belohnt" für erbrachte Leistungen mit einem angenehmen Gefühl durch die Ausschüttung körpereigener Drogen (sog. Endorphine) und vermittelt damit ein Glücksgefühl, z. B. Freude. Diese körpereigenen Drogen sind in ihren biochemischen Strukturen und ihrer Wirkung den Opiaten ähnlich. Neurobiologische Forschungen hoben in den vergangenen Jahren die Wichtigkeit des körpereigenen Belohnungssystems für eine gelungene Adoption und Entwicklung des Menschen herausgestellt: Es belohnt mit angenehmen Gefühlen, also mit Wohlbefinden, geht in die Erinnerung ein und dient damit als Verstärker für zukünftiges Verhalten. Es trägt damit wesentlich zur Weiterentwicklung der Persönlichkeit bei.

Existenz und Funktion körpereigener Drogen zeigen sehr deutlich, wie tief das menschliche Bedürfnis nach Wohlbefinden im Dasein - auch auf körperlicher Ebene - verankert ist und über welche biologischen Möglichkeiten der Mensch verfügt, selbst zu seinem Bedürfnis nach Glück und Wohlbefinden beizutragen.

Jeder Mensch ist also in seiner Entwicklung auf die Erfahrung der Wirkung von (körpereigenen) Drogen angewiesen. Wenn nun ein Mensch das in ihm angelegte Bedürfnis nach subjektivem Wohlbefinden nicht befriedigen kann, d.h. wenn er in seinem zentralen Grundbedürfnis dauerhaft frustriert wird, so wächst die Bereitschaft, stoffliche oder nicht stoffliche Hilfsmittel einzusetzen. Der Konsum von Drogen verschafft dann eine Möglichkeit, vorhandene Unlustgefühle zu vermeiden oder Lustgefühle zu erzeugen bzw. zu verstärken. Offenbar führt die Einnahme von Drogen zu einer Erhöhung der Aktivität der üblicherweise von körpereigenen Drogen angesprochenen Nervensysteme. Gelingt es daher, die Aktivität körpereigener Drogen durch die Erfahrung von Anerkennung und Ermutigung, letztlich also durch das Erleben von Wohlbefinden zu erhöhen, so sinkt die Neigung, diese Erhöhung der Aktivität durch andere Drogen herbeizuführen. Das Erleben von Wohlbefinden ist dabei auch wesentlich bedingt durch die Erfahrung eigener Kompetenz, dem Gefühl, etwas bewirken zu können. Die Aktion Suchtprophylaxe NRW geht von der Grundüberzeugung aus, daß mißbräuchlicher Drogenkonsum zu verhindern bzw. einzuschränken ist, wenn der Mensch in seinem Streben nach Wohlbefinden und dem Bedürfnis nach sozialer Anerkennung spürbar ermutigt und bekräftigt wird (d.h. seine körpereigenen Drogen ohne Zuführung künstlicher Drogen aktivieren kann).

Daraus ergibt sich ein Grundverständnis von Prävention, das sich in erster Linie an den Bedürfnissen des Menschen orientiert. Dabei tritt die besondere Bedeutung von bekräftigenden und ermutigenden Verhaltensmustern in den Vordergrund. Erst der Wirkungszusammenhang von Person, sozialer Umwelt und der Droge führt zu einem realistischen und adäquaten Präventionsdenken: Ein an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtetes Präventionsverständnis macht es möglich, präventives Wissen zu vermitteln und eine öffentlichkeitswirksame Diskussion anzuregen. Prävention hingegen, die nur in Form von Sachaufklärung über Drogen bzw. Drogenmißbrauch vermittelt wird oder als Grundlage die Folgen von Drogenmißbrauch thematisiert, erscheint unzureichend und wird in ihrer Bedeutung relativiert, da die Auseinandersetzung mit den Ursachen von Sucht stark in den Hintergrund tritt.  

Zielgruppe (nach oben)

Viele Untersuchungen zeigen, daß die meisten "Drogenkarrieren" zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr beginnen. Diese Altersgruppe bietet sich als Zielgruppe für die Aktion Suchtprophylaxe NRW an.

Aktuelle Untersuchungen zeigen allerdings, daß erste Probierversuche mit Suchtmitteln bereits bei Kindern zwischen 10 und 13 Jahren beginnen. Repräsentative Befragungen von 1700 Jungen und Mädchen in Bielefeld haben ergeben, daß der Suchtmittelkonsum immer häufiger schon zu Beginn des zweiten Lebensjahrzehnts einsetzt. So rauchen 6 % der Jungen und 7 % der Mädchen der 7. Klasse regelmäßig Zigaretten, 6 % dieser Jungen und 2 % der Mädchen trinken mit 13 Jahren regelmäßig Alkohol (vgl. Hurrelmann, 1994, S. 26). Aufgrund dieser Entwicklung wurde die Kampagne ab 1996 auf die Altersklasse der 9 bis l3jährigen erweitert.

Suchtprophylaxe muß die aktuelle Lebenssituation der Zielgruppe mit ihren typischen Lebensaufgaben verstehen und einbeziehen, um die Kinder und Jugendlichen in ihrer Lebenswelt zu erreichen. Dabei ist auch das soziale Umfeld (Eltern, Lehrer und sonstige Bezugspersonen) von zentraler Bedeutung.

Mißbräuchlicher Drogenkonsum kann nur verhindert oder eingeschränkt werden, wenn die Bedürfnisse der Jugendlichen nach sozialer Anerkennung und Beachtung bekräftigt werden.

Dies setzt aber eine genaue Kenntnis ihrer Bedürfnisse und auch ihrer Entwicklungsaufgaben und der Wirkung der Drogen in diesem Alter voraus. Entwicklungspsychologisch gesehen ist die Lebensphase von 12 bis 18 Jahren, abgesehen von den ersten Lebensjahren, die Zeit, in der junge Menschen mit vielfältigen und schwierigen "Entwicklungsaufgaben" konfrontiert werden. Äußere Anforderungen einerseits und entwicklungsspezifische Reifungsprozesse andererseits erfordern von jungen Menschen die Bewältigung folgender Aufgaben:

  1. Die allmähliche emotionale Ablösung von der Herkunftsfamilie, verbunden mit der Entwicklung eigener Wert- und Normvorstellungen.

    Häufig geht für den Jugendlichen die Ablösung vom Elternhaus mit der Infragestellung elterlicher Lebensformen und Vorstellungen einher, ohne daß der Jugendliche bereits ein eigenes Lebenskonzept entwickelt hat. In dieser Zeit entstehen für den Jugendlichen viele Verunsicherungen, weil sich die Beziehung zu den vertrauten Personen der Kindheit deutlich verändert.

    Auch für die Eltern ist dies eine schwierige Zeit - sie müssen lernen, mit den Autonomiewünschen der Jugendlichen, die zudem oft widersprüchlich sind, zurechtzukommen. Viele Eltern empfinden es als Kränkung, wenn sich die Kinder mehr und mehr aus der Beziehung zu ihnen lösen und reagieren dann mit Verboten, um die alte Bindung aufrechtzuerhalten. Auch Eltern fällt es nicht leicht, die Lücke, die durch den größeren Abstand zu den Kindern im eigenen Leben entsteht, mit neuen Lebensinhalten zu füllen. Die Pubertät eines Kindes bedeutet für die gesamte Familie eine Veränderung von Familienstrukturen und Familienbeziehungen, bedeutet Bewegung hin zu neuen Lebensinhalten, bedeutet auch für die Erwachsenen die Chance einer Entwicklung und Veränderung, aber auch eine mit jeder Veränderung verbundene Verunsicherung.

  2. Das Hineinwachsen in partnerschaftliche und erste sexuelle Beziehungen.

    Für die 12- bis 18jährigen gewinnt die Zugehörigkeit zu Gleichaltrigen an Bedeutung. Geborgenheit und Schutz des Elternhauses werden zunehmend durch die Zugehörigkeit zu Peergroups ersetzt. Für den Jugendlichen ist jetzt die Meinung seiner Freunde wichtiger geworden; deren Anerkennung zu erreichen steht für ihn an erster Stelle.

    Während der Jugendliche in seiner Familie in der Regel einen festen Platz hat, muß er sich diesen Platz in der gleichaltrigen Gruppe erkämpfen, u. U. durch besonders "mutiges" oder unkonventionelles Verhalten.

    In diesem Zusammenhang ist auch das erste Ausprobieren von Drogen häufig als ein Ausdruck des "Dazugehörens" zu verstehen.

    Die Aufnahme erster sexueller Beziehungen ist sicher eine der schwierigsten Entwicklungsaufgaben dieser Zeit; in diesem Zusammenhang spielen z. B. das Selbstwertgefühl, die Fähigkeit, intime Begegnungen zu gestalten mit dem eigenen Körper eine große Rolle. Das Eingehen erster Liebesbeziehungen mit ganz neuen Rollenerwartungen und Vorstellungen ist Neuland für den Jugendlichen - und entsprechend leicht ist er in dieser Zeit zu verunsichern.

  3. Für die meisten Jugendlichen fällt in die Zeit der Pubertät auch der Einstieg ins Arbeitsleben. Die berufliche Orientierung und deren Durchsetzung ist heute aufgrund vielfältiger Faktoren keine leichte Aufgabe. Sie ist verbunden mit der Erprobung und Entwicklung von Fähigkeiten, Fertigkeiten und dem Hineinwachsen in das Arbeitsleben mit zahlreichen neuen Anforderungen.

    Betrachtet man die hier beschriebene Entwicklungsaufgabe des Jugendlichen, deren adäquate Bewältigung zum Erwachsenwerden von zentraler Bedeutung ist, so wird deutlich, mit wie hohen Anforderungen der Jugendliche in dieser Zeit konfrontiert ist. Zwar bedeutet die positive Bewältigung all dieser Aufgaben in relativ kurzer Zeit für den Jugendlichen ein hohes Maß an Bestätigung und Anerkennung und wirkt persönlichkeits- und entwicklungsfördernd; dennoch ist diese Entwicklungsphase für die betroffenen Jugendlichen in der Regel auch mit einer Verunsicherung und Labilisierung verbunden.

    Das Lebensgefühl dieser Altersgruppe ist wesentlich gekennzeichnet von der Suche nach Bindung (Abhängigkeit) bei gleichzeitigem Wunsch nach Freiheit (Unabhängigkeit). Dieser Grundkonflikt, der in der Entwicklung des Menschen auf unterschiedlichem Niveau immer wiederkehrt, stellt sich gerade in der Pubertät mit besonderer Deutlichkeit. Wenn dieser Konflikt kreativ und produktiv gelöst werden kann, ist ein von Autonomie und Selbstverantwortung getragenes Erwachsenenleben möglich.

    Die in dieser Entwicklungsphase typische Verunsicherung des Jugendlichen äußert sich in seinem labilen Selbstwertgefühl, in Stimmungsschwankungen, Orientierungsschwierigkeiten und auch einer höheren Suchtgefährdung.

    Der Jugendliche braucht in dieser Zeit die deutliche Unterstützung seiner Eltern und sonstiger Bezugspersonen. Auch wenn sich der junge Mensch von seiner Herkunftsfamilie zunehmend löst, so bleibt doch die emotionale Geborgenheit, das Gefühl des Geliebt- und Verstandenwerdens innerhalb der Familie wichtig für ihn. Der Jugendliche braucht auch Unterstützung und Akzeptanz seines "Probierverhaltens". Sein Wunsch nach individueller Freiheit muß von den Erwachsenen respektiert und geschützt werden.  

Schwerpunkte (nach oben)

Suchtprophylaxe muß Eltern und sonstige Bezugspersonen ermutigen, Jugendliche in dieser schwierigen Zeit anzunehmen, sie zu fördern und zu fordern. Entscheidend für die Bewältigung der Entwicklungskrise "Pubertät" sind die Voraussetzungen, die der Jugendliche mitbringt, die Stabilität seiner Lebenssituation und welche Bewältigungsstrategien er entwickeln kann. Hier kommt dem sozialen Umfeld, insbesondere den Eltern, eine bedeutsame Rolle zu. Praktische Suchtprophylaxe bei Jugendlichen und deren Umfeld bedeutet daher, Ermutigung und Bekräftigung der Bedürfnisse von Jugendlichen nach sozialer Anerkennung und Beachtung, d.h. Stärkung von inneren Kräften, die die latenten Ursachen des Konsums von Drogen kompensieren können

Die Aktion Suchtprophylaxe NRW sieht einen wesentlichen Schwerpunkt in der Sensibilisierung der Bevölkerung für die Bedeutung der Wahrnehmung eigener Gefühle und Bedürfnisse. Dabei ist die Förderung von Selbstwertgefühl und Selbstbewußtsein von zentraler Bedeutung.

In diesem Zusammenhang sind von ganz besonderer Bedeutung:

  • Stärkung des Zugehörigkeitsgefühles innerhalb der Familie bzw. in der Gruppe
  • Steigerung der Erlebnisfähigkeit ohne Zuhilfenahme von Drogen
  • Behauptung von Selbständigkeit und Unabhängigkeit einerseits und Eingehen von Bindungen andererseits.

Zusammengefaßt bedeutet Prävention:

  • leben lernen - ohne Flucht in eine Sucht.

"Wer leben, wer genießen, wer kommunizieren lernt, wer lernen kann, Freude an der eigenen Leistung und am eigenen Erfolg zu haben, hat weniger Bedarf nach Drogen."

(W. Kindermann, Drogen, Ein Handbuch für Eltern und Erzieher, München 1991, S. 148).